Am lan­gen Arm verhungert 

Zur Ent­schei­dung über das ehe­ma­li­ge Kaufhof-Gebäude 

Paint­dog, CC BY-SA 4.0 https://​crea​tive​com​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​4.0, via Wiki­me­dia Commons

Hat die Neus­ser FDP die Innen­stadt geret­tet? Man könn­te auf die Idee kom­men, wenn man die Reak­tio­nen auf den jüngst im Haupt­aus­schuss gefass­ten Beschluss zur Zukunft des Kauf­hof-Gebäu­des liest. Mit gera­de ein­mal einer Stim­me Mehr­heit wur­de dort ent­schie­den, die Stadt­bi­blio­thek in das Gebäu­de umzie­hen zu las­sen. Die Mehr­heit kam nur durch das Umschwen­ken der FDP zustan­de, die zuvor mit CDU und AfD gegen den Umzug gewet­tert hatte. 

Der Neus­ser Kauf­hof war mit sei­nen Arbeits­plät­zen – wie die Filia­len in ande­ren Städ­ten auch – Opfer des dubio­sen Finanz­ge­ba­rens des Inves­tors René Ben­ko gewor­den. Auf die Schlie­ßung folg­ten Leer­stand, Ankauf durch die Stadt, Leer­stand und Leerstand. 

Eigent­lich hat­te die Stadt Neuss gro­ße Plä­ne für das Gebäu­de. Von Gas­tro­no­mie, Ein­zel­han­del, Woh­nun­gen, Büros und einem IHK-Stand­ort war die Rede gewe­sen. Die IHK zieht nun auf den Wen­ders­platz, um das „Tor zur Innen­stadt“ mit einem trü­ben Funk­ti­ons­ge­bäu­de zu schmü­cken und so den Über­gang in das aus­ge­stor­be­ne Hamm­feld zu erleich­tern. Die Plä­ne für den Kauf­hof hin­ge­gen kamen nicht in Gang. Die Kos­ten stie­gen täg­lich an, wäh­rend sich die ehe­ma­li­gen Eigen­tü­mer mit den in Sicher­heit gebrach­ten Ben­ko-Mie­ten ent­spannt zurück­leh­nen konn­ten. Schließ­lich hat­te die Stadt mit dem Gebäu­de auch die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me der sanie­rungs­be­dürf­ti­gen Immo­bi­lie über­nom­men. Das nahen­de Schei­tern des poli­tisch wich­ti­gen Groß­pro­jek­tes dürf­te den Druck, jetzt ein­mal Nägel mit Köp­fen zu machen, erhöht haben. 

Fest steht: Die Stadt­bi­blio­thek Neuss ist eine Ein­rich­tung, die vor­bild­lich zum kul­tu­rel­len Leben bei­trägt. Die Plät­ze in den bis­he­ri­gen Räu­men sind täg­lich gut belegt. Gera­de auch Schü­le­rin­nen und Schü­ler nut­zen die Mög­lich­kei­ten, die die Biblio­thek bie­tet. Ihr Umzug an einen zen­tra­len und moder­ne­ren Stand­ort ist ein gutes, aber unbe­ab­sich­tig­tes Ergeb­nis eines von Anfang an ver­korks­ten Prozesses. 

Nun muss abge­war­tet wer­den, ob das Mam­mut-Vor­ha­ben zeit­nah umge­setzt wer­den kann, und ob sich die geplan­te Rest­nut­zung des ehe­ma­li­gen Kauf­ho­fes ver­wirk­li­chen lässt. Das Wohl und Wehe der Innen­stadt wird davon aber nicht abhän­gen. Die lei­det unter den glei­chen Pro­ble­men wie vie­le ande­ren Zen­tren auch: Hohe Mie­ten, die nur noch von gro­ßen Ket­ten gezahlt wer­den kön­nen, ver­drän­gen den klei­nen Han­del. Die Infla­ti­on und die deut­lich dahin­ter zurück­blei­ben­den Löh­ne machen das Ein­kau­fen für gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung unbezahlbar. 

Die Fol­gen die­ser Ent­wick­lung sind deut­lich sicht­bar: Leer­stän­de, häu­fig wech­seln­de Päch­ter, eine zuneh­men­de Zahl von ver­arm­ten und woh­nungs­lo­sen Men­schen in der Stadt. Um die­sen Pro­zess umzu­keh­ren, bräuch­te es mehr als nur einen neu­en Biblio­theks­stand­ort. Es bräuch­te Wider­stand gegen die Kri­sen- und Kriegs­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung, die hun­der­te Mil­li­ar­den in das Mili­tär steckt, aber die Städ­te – und die Men­schen, die in ihnen woh­nen – am lan­gen Arm ver­hun­gern lässt. 

Vin­cent Cziesla