Zur Entscheidung über das ehemalige Kaufhof-Gebäude

Hat die Neusser FDP die Innenstadt gerettet? Man könnte auf die Idee kommen, wenn man die Reaktionen auf den jüngst im Hauptausschuss gefassten Beschluss zur Zukunft des Kaufhof-Gebäudes liest. Mit gerade einmal einer Stimme Mehrheit wurde dort entschieden, die Stadtbibliothek in das Gebäude umziehen zu lassen. Die Mehrheit kam nur durch das Umschwenken der FDP zustande, die zuvor mit CDU und AfD gegen den Umzug gewettert hatte.
Der Neusser Kaufhof war mit seinen Arbeitsplätzen – wie die Filialen in anderen Städten auch – Opfer des dubiosen Finanzgebarens des Investors René Benko geworden. Auf die Schließung folgten Leerstand, Ankauf durch die Stadt, Leerstand und Leerstand.
Eigentlich hatte die Stadt Neuss große Pläne für das Gebäude. Von Gastronomie, Einzelhandel, Wohnungen, Büros und einem IHK-Standort war die Rede gewesen. Die IHK zieht nun auf den Wendersplatz, um das „Tor zur Innenstadt“ mit einem trüben Funktionsgebäude zu schmücken und so den Übergang in das ausgestorbene Hammfeld zu erleichtern. Die Pläne für den Kaufhof hingegen kamen nicht in Gang. Die Kosten stiegen täglich an, während sich die ehemaligen Eigentümer mit den in Sicherheit gebrachten Benko-Mieten entspannt zurücklehnen konnten. Schließlich hatte die Stadt mit dem Gebäude auch die wirtschaftlichen Probleme der sanierungsbedürftigen Immobilie übernommen. Das nahende Scheitern des politisch wichtigen Großprojektes dürfte den Druck, jetzt einmal Nägel mit Köpfen zu machen, erhöht haben.
Fest steht: Die Stadtbibliothek Neuss ist eine Einrichtung, die vorbildlich zum kulturellen Leben beiträgt. Die Plätze in den bisherigen Räumen sind täglich gut belegt. Gerade auch Schülerinnen und Schüler nutzen die Möglichkeiten, die die Bibliothek bietet. Ihr Umzug an einen zentralen und moderneren Standort ist ein gutes, aber unbeabsichtigtes Ergebnis eines von Anfang an verkorksten Prozesses.
Nun muss abgewartet werden, ob das Mammut-Vorhaben zeitnah umgesetzt werden kann, und ob sich die geplante Restnutzung des ehemaligen Kaufhofes verwirklichen lässt. Das Wohl und Wehe der Innenstadt wird davon aber nicht abhängen. Die leidet unter den gleichen Problemen wie viele anderen Zentren auch: Hohe Mieten, die nur noch von großen Ketten gezahlt werden können, verdrängen den kleinen Handel. Die Inflation und die deutlich dahinter zurückbleibenden Löhne machen das Einkaufen für große Teile der Bevölkerung unbezahlbar.
Die Folgen dieser Entwicklung sind deutlich sichtbar: Leerstände, häufig wechselnde Pächter, eine zunehmende Zahl von verarmten und wohnungslosen Menschen in der Stadt. Um diesen Prozess umzukehren, bräuchte es mehr als nur einen neuen Bibliotheksstandort. Es bräuchte Widerstand gegen die Krisen- und Kriegspolitik der Bundesregierung, die hunderte Milliarden in das Militär steckt, aber die Städte – und die Menschen, die in ihnen wohnen – am langen Arm verhungern lässt.
