Staats­mäch­te­ri­va­li­tät

Wie der Ers­te Welt­krieg 1914 ent­fes­selt wurde

Weil die aktu­el­le geo­po­li­ti­sche Situa­ti­on, die durch Kriegs­het­ze gegen das
abgrund­tief­bö­se Russ­land und Krieg­tüch­tig­keits­ma­chung der bezau­bernd
guten EU-Staats­ge­wal­ten geprägt ist, der von 1914 sehr ähnelt, lohnt sich
ein Blick zurück in die His­to­rie auf die Ent­fes­se­lung des Ers­ten Welt­krie­ges.
Mein Arti­kel basiert auf his­to­rio­gra­phi­schen Dar­stel­lun­gen, in deren
Zen­trum die Ana­ly­se des Zusam­men­hangs zwi­schen Impe­ria­lis­mus und
Ers­tem Welt­krieg steht. Dass die all­ge­mei­nen Bedin­gun­gen des expan­si­ven
impe­ria­lis­ti­schen Sys­tems ein Fak­tor waren, der zum Ers­ten Welt­krieg
führ­te, ist mitt­ler­wei­le zum Gemein­gut der His­to­ri­ker­zunft gewor­den.
Hin­ge­gen gibt es hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen bezüg­lich der Welt­po­li­tik des
Deut­schen Rei­ches als kriegs­ver­ur­sa­chen­dem Fak­tor. Die Spann­wei­te der
Posi­tio­nen, die in die­sen Kon­tro­ver­sen um die die Kriegs­schuld­fra­ge
vor­ge­tra­gen wer­den, reicht von der Über­fall­the­se über die Allein­schuld­the­se
bis hin zur Staatsmächterivalitätsthese.

Allein­schuld, Über­fall, Staatsmächterivalität?

Die Über­fall­the­se, die als Fun­da­ment der staat­li­chen Pro­pa­gan­da im
deut­schen Kai­ser­reich dien­te, besagt, dass Deutsch­land von sei­nen Fein­den
über­fal­len wor­den sei und infol­ge­des­sen einen Ver­tei­di­gungs­krieg füh­re. Die
älte­re staats­from­me Kriegs­schuld­for­schung einig­te sich im Anschluss an
Lloyd Geor­ge auf die For­mel, dass kei­ne Regie­rung bewusst den Welt­krieg
gewollt habe. Viel­mehr sei man “hin­ein­ge­schlit­tert”. Gegen die­se Posi­ti­on
macht Fritz Fischer vehe­ment Front, i ndem er der deut­schen Staats­füh­rung
die Haupt­schuld am Ers­ten Welt­krieg zuschreibt. Denn sie habe plan­mä­ßig
einen “Griff nach der Welt­macht” ver­sucht, und zwar mit dem Ziel, die
“Hege­mo­nie Deutsch­lands über Euro­pa” gewalt­sam durch­zu­set­zen.
Die Allein­schuld­the­se hin­ge­gen, die von den Alli­ier­ten nach ihrem Sieg im
Arti­kel 231 des Ver­sailler Ver­tra­ges fest­ge­schrie­ben wur­de, kon­sta­tiert, dass
der Krieg ihnen “durch den Angriff Deutsch­lands und sei­ner Ver­bün­de­ten
auf­ge­zwun­gen” wor­den sei. Um die Allein­schuld­the­se abzu­schwä­chen,
unter­nimmt der “ein­fühl­sam nach­emp­fin­den­de” His­to­ri­cus Rit­ter den
eigen­tüm­li­chen Ver­such, der von der deut­schen Staats­füh­rung an gestreb­ten
Aus­schal­tung Frank­reichs als Groß­macht einen “defen­si­ven Cha­rak­ter” zu
kon­ze­die­ren.
Als red­lich um Objek­ti­vi­tät bemüh­ter His­to­ri­ker kommt man aller­dings
nicht umhin fest­zu­stel­len, dass die deut­sche Reichs­lei­tung und auch die
Entente-Mäch­te dar­auf abziel­ten, die eige­ne Posi­ti­on durch Schwä­chung der
jewei­li­gen Fein­de zu stär­ken. Über­fall­the­se und Allein­schuld­the­se erwei­sen
sich auf­grund die­ser Sach­la­ge als unhalt­bar. Bestä­tigt durch die
his­to­ri­schen Fak­ten wird jedoch die Staats­mäch­te­ri­va­li­täts­the­se, die so
lau­tet: Die Riva­li­tät der impe­ria­lis­ti­schen Staats­mäch­te führ­te zum Ers­ten
Welt­krieg, wobei das kai­ser­li­che Deutsch­land als “ver­spä­te­ter”
Impe­ria­lis­mus eine beson­ders aggres­si­ve Rol­le spiel­te.
Um die kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen in der Kriegs­grund­de­bat­te end­gül­tig
beur­tei­len zu kön­nen, ist es unab­ding­bar, die Kriegs­ziel­pro­gram­me der
betei­lig­ten impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te zu unter­su­chen. Dabei kommt ans
Licht, dass das Sep­tem­ber­pro­gramm von 1914 die Siche­rung des Deut­schen
Rei­ches nach West und Ost als das “all­ge­mei­ne Ziel des Krie­ges” defi­niert.
Zu die­sem Zweck müs­se Frank­reich so geschwächt wer­den, dass es als
“Groß­macht” nicht neu ent­ste­hen kön­ne. Als “Haupt­ziel Frank­reichs” ist
laut Quel­len­for­schung die “Ver­nich­tung des Deut­schen Rei­ches und die
mög­lichs­te Schwä­chung der mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Macht Preu­ßens”
aus­ge­macht. Die impe­ria­lis­ti­schen Riva­len wis­sen, dass die Ver­nich­tung des
Fein­des der Weg ist, um einen Griff nach der Welt­macht zustan­de zu
brin­gen.
Dass vie­le Zeit­ge­nos­sen wuss­ten, wie der Krieg gear­tet war, in dem sie auf
staat­li­chen Befehl zu töten und zu ster­ben hat­ten, ver­dankt sich dem
Wir­ken von Mar­xis­ten wie Lenin, Luxem­burg und Lieb­knecht. Sie stell­ten
auf dem Base­ler Kon­gress der II. Inter­na­tio­na­le im Jahr 1912 klar, dass der
kom­men­de Krieg kein “natio­na­ler Ver­tei­di­gungs­krieg” ist, son­dern “ein Krieg
zwi­schen impe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten um die Auf­tei­lung d er Welt, um die
Sicher­stel­lung der Roh­stoff­quel­len und um die Gewin­nung von
Absatz­märk­ten”.

Die Rol­le der Sozialdemokratie

Den­noch brach in der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei namens SPD bei
Beginn des Krie­ges Kon­fu­si­on aus, die zur Spal­tung der Par­tei führ­te. Die
Reak­ti­on der Sozi­al­de­mo­kra­tie auf die Über­fall­the­se der Reichs­lei­tung war
nicht ein­heit­lich. Wäh­rend die Par­tei­mehr­heit die staat­li­che Über­fall­the­se
über­nahm und von einem Ver­tei­di­gungs­krieg sprach, bestimm­te die
Min­der­heit den Krieg als Angriffs­krieg, der eine “Aus­ge­burt impe­ria­lis­ti­scher
Riva­li­tä­ten“ sei . Die­ser Zwie­spalt fin­det sich auch in der Erklä­rung der SPD-
Frak­ti­on zur Bewil­li­gung der Kriegs­kre­di­te, weil dar­in zwar einer­seits die
Über­fall­the­se der staat­li­chen Pro­pa­gan­da über­nom­men wird. Ande­rer­seits
aber wird in der­sel­ben SPD-Erklä­rung die “impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik” als
Kriegs­ur­sa­che bezeich­net. Inter­es­sant zu wis­sen ist in die­sem
Zusam­men­hang, dass auch die sozia­lis­ti­schen Par­tei­en in Frank­reich und
Eng­land wie die SPD in Deutsch­land einen “Burg­frie­den” pro­kla­mier­te, und
zwar eben­falls des­halb, weil man glaub­te, einen Ver­tei­di­gungs­krieg füh­ren
zu müs­sen.

Feind­bild rus­si­scher Zarismus

Von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung für die Hal­tung der
sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Mehr­heit war das staat­lich kon­stru­ier­te Feind­bild, das
“Mil­lio­nen sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Volks­ge­nos­sen mit hel­ler Begeis­te­rung zu
den Fah­nen trieb”. Die Paro­le, die eine regel­rech­te Kriegs­be­sof­fen­heit
aus­lös­te, hieß: “Nie­der mit dem Zaris­mus!” Denn man wol­le das Deut­sche
Reich nicht durch “Kosa­ken” ver­nich­ten las­sen. Des­halb gel­te es, den
Angriff des “rus­si­schen Des­po­tis­mus” abzu­weh­ren und den Zaris­mus
nie­der­zu­ma­chen. Karl Lieb­knechts Anmer­kung, dass Deutsch­land als das
Mus­ter poli­ti­scher Rück­stän­dig­keit kei­nen Beruf zum “Völ­ker­be­frei­er” habe,
scheint mir ein taug­li­cher Ansatz zur Destruk­ti­on des anti­rus­si­schen
Feind­bil­des zu sein, das auch heu­ti­gen Tages von der deut­schen
Staats­ge­walt instru­men­ta­li­siert wird.

Franz Anger