Wie die KPD zur Mas­sen­par­tei gewor­den ist

Ein­stieg

Wir beschäf­ti­gen uns heu­te damit, wie die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (KPD) zur Mas­sen­par­tei wurde.

Aus­ga­be des VKPD-Pla­kats „Pro­le­ta­ri­er! Wählt Kom­mu­nis­ten! Lis­te V.K.P.D.“ (1921)

Leit­fra­ge: Wel­che Par­tei soll­ten die Pro­le­ta­ri­er wählen?

Nach der Ver­ei­ni­gung mit der USPD (Lin­ke) wur­de die KPD umbe-nannt in Ver­ei­nig­te Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (VKPD).

Die Ent­wick­lung der KPD (Spar­ta­kus­bund) zur Mas­sen­par­tei     (im Zeit­raum von Janu­ar 1919 bis Dezem­ber 1920)

Das ist das The­ma mei­nes heu­ti­gen Vor­trags, der nicht gehal­ten wird, um Nost­al­gi­kern das Herz zu erwär­men. Viel­mehr soll er hilf­reich sein für unser aktu­el­les Ziel, die DKP erheb­lich stär­ker in der lohn­ab-hän­gi­gen Bevöl­ke­rung und somit in den Betrie­ben zu verankern.

Zu die­sem Zweck wird gezeigt, wie aus der klei­nen KPD (Spar­ta­kus-bund) inner­halb von zwei Jah­ren die Mas­sen­par­tei VKPD (Sek­ti­on der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le) wer­den konnte.

1. Ein Rück­blick als Vorbemerkung

Weil die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en SPD und USPD geprägt waren durch eine son­der­ba­re Zusam­men­hangs­lo­sig­keit zwi­schen ihrem revo­lu­tio­nä­ren mar­xis­ti­schen Grund­satz­pro­gramm und ihrer Tages­po­li­tik, grün­de­ten ehe­ma­li­ge Sozi­al­de­mo­kra­ten um Rosa Luxem­burg, Karl Lieb­knecht und Franz Mehring an der Jah­res­wen­de 1918/19 eine kom­mu­nis­ti­sche Par­tei – näm­lich die KPD.

Das ist mei­ne The­se, die nun ein wenig erläu­tert wird.

Zwar ver­kün­de­te die Sozi­al­de­mo­kra­tie – im Anschluss an Karl Marx – in ihrem Grund­satz­pro­gramm, dass es gutes Leben für alle Gesell­schafts­mit­glie­der nur jen­seits der kapi­ta­lis­ti­schen Waren-pro­duk­ti­on geben kann. Denn der Zweck der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se ist die Ver­meh­rung des inves­tier­ten Unter­neh­mer-gel­des mit­tels Waren­pro­duk­ti­on: Geld-Ware-Geld – so lau­tet die Zau­ber­for­mel der kapi­ta­lis­ti­schen Plus­ma­che­rei! Für die­sen bor-nier­ten Zweck wird der lohn­ab­hän­gi­ge Mensch als „varia­bles Kapi­tal“ instru­men­ta­li­siert, des­sen Lohn­kos­ten mini­miert wer­den müs­sen, um den Betriebs­ge­winn des Kapi­ta­lis­ten  zu maxi­mie­ren. Das kräf­te-zeh­ren­de und zugleich kar­ge Leben des Lohn­ab­hän­gi­gen hat sei­nen Grund mit­hin im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tem, wes­halb die­ses waren­pro­du­zie­ren­de Sys­tem über­wun­den wer­den muss.

Eine Stra­te­gie­kon­zep­ti­on für die Über­win­dung des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems hat­te die Sozi­al­de­mo­kra­tie jedoch nicht, und zwar weder die SPD noch die USPD. Die aller­meis­ten Sozi­al­de­mo­kra­ten glaub­ten näm­lich an einen natur­not­wen­di­gen Zusam­men­bruch der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se, auf den sie in ihren „Wahl­ver-einen“ gedul­dig, aber ver­geb­lich war­te­ten.                             [Fuß­no­te 1]                                  

Nicht war­ten auf den „gro­ßen Klad­de­ra­datsch“ woll­ten die Kom­mu-nis­ten um Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht, sodass sie mit der Sozi­al­de­mo­kra­tie und deren „Nur-Par­la­men­ta­ris­mus“ bra­chen. Statt­des­sen ent­wi­ckel­ten die Kom­mu­nis­ten eine revo­lu­tio­nä­re Mach­te­robe­rungs­stra­te­gie namens „Mas­sen­streik“.

Die Mas­sen­streik­stra­te­gie über­wand den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen „Nur-Par­la­men­ta­ris­mus“, indem sie auf die Ver­an­ke­rung der Kom­mu­nis­ten in den Betrie­ben ori­en­tier­te. Die öko­no­mi­sche Macht der Lohn­ar­bei­ter als orga­ni­sier­te Klas­se nut­zend, soll­ten Mas­sen­streiks die poli­ti­sche Mach­te­robe­rung der Par­tei einleiten.

Dass ein Zusam­men­hang bestehen muss zwi­schen der tages-poli­ti­schen Pra­xis und dem revo­lu­tio­nä­ren End­ziel, ist eine zen­tra­le Leh­re, die unse­re DKP aus der KPD-Geschich­te gezo­gen hat. Des­halb wur­de bei­spiels­wei­se auf dem 22. Par­tei­tag der DKP zur „Siche­rung der Lebens­grund­la­gen“ beschlossen:

„Es gilt die Ein­sicht zu stär­ken, dass letzt­lich nur ein Bruch mit der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­wei­se und die Errich­tung einer sozia­lis­ti­schen Plan­wirt­schaft dau­er­haft wirk­sa­me Maß­nah­men für Kli­ma- und Umwelt­schutz mög­lich machen.“                      [Fuß­no­te 2]

Das war mein Tra­di­ti­ons­be­wusst­sein stif­ten­der Rück­blick und nun folgt Oberpunkt …

2. Die Ent­wick­lung nach dem Grün­dungs­par­tei­tag der KPD

Auf der pro­gram­ma­tisch-stra­te­gi­schen Ebe­ne war man sich beim Grün­dungs­par­tei­tag an der Jah­res­wen­de 1918/19 einig: Ein­ge­lei­tet durch Mas­sen­streiks und voll­endet durch einen Auf­stand in Form eines Gene­ral­streiks der Lohn­ar­bei­ter, woll­te die KPD die Staats­macht erobern, um die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se durch eine sozia­lis­ti­sche Plan­wirt­schaft zu erset­zen. Der Zweck der Pro­duk­ti­ons-wei­se soll­te nicht län­ger die Pro­fit­ma­che­rei der Kapi­ta­lis­ten sein, son­dern die Bedürf­nis­be­frie­di­gung der Indi­vi­du­en werden.

Dage­gen war auf der Ebe­ne der Tak­tik die anar­cho-syn­di­ka­lis­ti­sche Strö­mung domi­nie­rend, sodass zum Bei­spiel die Teil­nah­me der KPD an den Wah­len zur kon­sti­tu­ie­ren­den Natio­nal­ver­samm­lung abge­lehnt wur­de. Die mar­xis­ti­sche Min­der­heits­strö­mung ver­such­te ver­geb­lich, die Par­tei­tags­de­le­gier­ten davon zu über­zeu­gen, dass das bür­ger­li­che Par­la­ment als Tri­bü­ne des Klas­sen­kamp­fes genutzt wer­den müs­se, um die bis­lang schwa­che „geis­ti­ge Revo­lu­tio­nie­rung der Mas­sen“ zu vertiefen.

Die Miss­ach­tung der Tak­tik durch die Anar­cho-Syn­di­ka­lis­ten ver­un-mög­lich­te eine star­ke Ver­an­ke­rung der KPD in der Arbei­ter­klas­se, weil die Par­tei sich selbst iso­lier­te. Die­ses Pro­blem soll nun in den Blick genom­men wer­den im Unterpunkt …

2.1 Die feh­len­de Elas­ti­zi­tät in tak­ti­schen Fragen

Weil die anar­cho-syn­di­ka­lis­ti­sche Mehr­heits­strö­mung das man­geln­de revo­lu­tio­nä­re Bewusst­sein der Arbei­ter­klas­se igno­rier­te, hielt man tak­ti­sche Über­le­gun­gen für über­flüs­sig. Wahl­be­tei­li­gung zwecks Sys­tem­kri­tik und oppo­si­tio­nel­le Auf­klä­rungs­ar­beit in den Gewerk-schaf­ten sei­en Kraft­ver­geu­dung, da die KPD inner­halb kur­zer Zeit die Macht erobern könne.

Die feh­len­de Elas­ti­zi­tät in tak­ti­schen Fra­gen, die der revo­lu­tio­nä­ren Unge­duld – so Rosa Luxem­burg geschul­det war, bestimm­te die Poli­tik der KPD bis zu deren zwei­tem Par­tei­tag im Okto­ber 1919. Zunächst boy­kot­tier­te die neue Par­tei die Wah­len zur ver­fas­sungs-geben­den Natio­nal­ver­samm­lung, die am 19. Janu­ar 1919 statt-fan­den. Im April 1919 kam es dann zum Boy­kott des 2. Reichs­rä­te-kon­gres­ses. In bei­den Fäl­len nahm sich die KPD die Mög­lich­keit, ihre revo­lu­tio­nä­ren anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen und Zie­le zu pro­pa-gie­ren und dadurch ihren Mas­sen­ein­fluss zu erweitern. 

                                                                                             [Fuß­no­te 3]

Wegen ihrer unelas­ti­schen Tak­tik war die KPD vor ihrem 2. Par­tei­tag ohne gro­ßen Anhang in der rebel­li­schen Arbei­ter­klas­se, was der neue Par­tei­vor­sit­zen­de Paul Levi grund­le­gend ändern woll­te. Hier­von han­delt der Unterpunkt …

2.2 Die Abspal­tung der Anarcho-Syndikalisten

Paul Levi, der nach der Ermor­dung von Rosa Luxem­burg, Karl Lieb­knecht und Leo Jogi­sches den Vor­sitz der KPD im März 1919 über­nom­men hat­te, ent­fach­te eine erneu­te Dis­kus­si­on über die tak­ti­schen Fra­gen. Dabei ging es Levi dar­um, die Anar­cho-Syn­di-kalis­ten aus der Par­tei zu drän­gen, um so die Ver­ei­ni­gung mit dem revo­lu­tio­nä­ren lin­ken Flü­gel der USPD zu ermöglichen.

Aus die­sem Grund leg­te die Levi-Zen­tra­le dem 2. Par­tei­tag der KPD im Okto­ber 1919 „Leit­sät­ze über kom­mu­nis­ti­sche Grund­sät­ze und Tak­tik“ vor, mit­tels derer die tak­ti­schen Ent­schei­dun­gen des 1. Par-tei­ta­ges bezüg­lich der bür­ger­li­chen Par­la­ments­wah­len und der sozi­al-demo­kra­ti­schen Gewerk­schaf­ten revi­diert wer­den soll­ten. Begrün­det wur­de die gefor­der­te neue tak­ti­sche Ori­en­tie­rung der KPD wie folgt:

„In allen Sta­di­en der Revo­lu­ti­on, die der Macht­er­grei­fung des Pro­le­ta-riats vor­an­ge­hen, ist die Revo­lu­ti­on ein poli­ti­scher Kampf der Pro­le-tarier­mas­sen um die poli­ti­sche Macht. Die­ser Kampf wird mit allen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Mit­teln geführt. Die K.P.D. ist sich bewusst, dass die­ser Kampf nur mit den größ­ten poli­ti­schen Mit­teln (Mas­sen­streik, Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, Auf­stand) zum sieg­rei­chen Ende gebracht wer­den kann. Dabei kann die K.P.D. auf kein poli­ti-sches Mit­tel ver­zich­ten, das der Vor­be­rei­tung die­ser gro­ßen Kämp­fe dient.“ Dafür müs­se die Par­tei als „Vor­hut der Arbei­ter­klas­se“ zen­tra-lis­tisch auf­ge­baut sein, wes­halb sie den syn­di­ka­lis­ti­schen Föde­ra-lis­mus ver­wer­fe.                                                                       [Fuß­no­te 4]

Für die neue Tak­tik und die zen­tra­lis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­form stimm-ten letzt­lich 31 Dele­gier­te, dage­gen waren 18 Dele­gier­te. Dar­auf­hin wur­den die unter­le­ge­nen anar­cho-syn­di­ka­lis­ti­schen Dele­gier­ten von den wei­te­ren Ver­hand­lun­gen des Par­tei­ta­ges aus­ge­schlos­sen. Infol­ge-des­sen grün­de­ten die Anar­cho-Syn­di­ka­lis­ten im April 1920 die Kom-munis­ti­sche Arbei­ter-Par­tei Deutsch­lands (KAPD).               [Fuß­no­te 5]

Auf­grund der Abspal­tung ging die Mit­glie­der­zahl der KPD zwar von unge­fähr 107 000 auf rund 50 000 zurück. Aber die neue, elas­ti­sche Tak­tik der KPD führ­te dazu, dass sie an den Reichs­tags­wah­len vom 6. Juni 1920 teil­nahm. Nimmt man die kom­mu­nis­ti­schen Stim­men als Grad­mes­ser des Klas­sen­be­wusst­seins der Pro­le­ta­rier­mas­sen, dann zei­gen die 441 793  (= 1,7 Pro­zent) KPD-Stim­men die gerin­ge Ver­an­ke-rung der Par­tei in der Arbei­ter­klas­se. – Das soll­te sich aller­dings sehr bald ändern, wor­über der Ober­punkt 3 des Vor­trags Aus­kunft gibt.

3. Die Ver­ei­ni­gung der KPD (Spar­ta­kus­bund) mit der USPD (Lin­ke)

Zustan­de kam die Ver­schmel­zung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD) mit dem lin­ken Flü­gel der Unab­hän­gi­gen Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (USPD) auf­grund von drei Faktoren.

Ers­tens: Zum einen hat­te sich die KPD von ihrer anar­cho-syn­di­ka-lis­ti­schen Strö­mung getrennt, wodurch eine elas­ti­sche Tak­tik mög­lich wur­de. Infol­ge der neu­en Elas­ti­zi­tät in tak­ti­schen Fra­gen wur­de im März 1920 – nach eini­gem Zögern der KPD-Zen­tra­le – eine Ein­heits-front gebil­det zwi­schen KPD, USPD und MSPD, die sich gegen den mon­ar­chis­ti­schen Kapp-Putsch rich­te­te. Mit­tels eines Gene­ral­streiks, an dem sich rund zwölf Mil­lio­nen Arbei­ter und Ange­stell­te betei­lig­ten, wur­den die Mon­ar­chis­ten besiegt und die bür­ger­li­che Repu­blik geret­tet.                                                                                [Fuß­no­te 6]

Zwei­tens: Zum ande­ren hat­te in der USPD ein fun­da­men­ta­ler Links-ruck statt­ge­fun­den, sodass die Par­tei sich nun gegen den bür­ger-lichen Par­la­men­ta­ris­mus und für die pro­le­ta­ri­sche Räte­re­pu­blik aus­sprach.                                                                            [Fuß­no­te 7]

Drit­tens: Der aus­schlag­ge­ben­de Fak­tor aber war die Ent­schei­dung der USPD, der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (KI) bei­zu­tre­ten. — Die Rol­le der KI bei der Ver­ei­ni­gung von KPD und USPD ist Gegen­stand des Unterpunktes …

3.1 Die Rol­le der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (KI)

Ab dem Som­mer 1919 war klar, dass der revo­lu­tio­nä­re lin­ke Flü­gel der USPD der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (KI) bei­tre­ten woll­te, die im März 1919 in Mos­kau gegrün­det wor­den war, und zwar unter der Lei­tung Lenins. Dass die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on in Deutsch­land durch die Eta­blie­rung einer bür­ger­li­chen Repu­blik geschei­tert war, warf die Fra­ge auf, wie man durch inter­na­tio­na­len Zusam­men­schluss eine bes­se­re Koor­di­na­ti­on revo­lu­tio­nä­rer Erhe­bun­gen errei­chen kön­ne. Da die Bol­sche­wi­ki unter Lenins Füh­rung die sieg­rei­che Okto­ber-Revo­lu­ti­on in Russ­land vor­zu­wei­sen hat­ten, gab es in der USPD einen „Drang der Par­tei­ba­sis nach Mos­kau“.              [Fuß­no­te 8]

Als dann die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen auf dem II. Welt­kon­gress der KI im Som­mer 1920 began­nen, hat­te das Exe­ku­tiv­ko­mi­tee der Kom­mu-nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le bereits den Ent­schluss gefasst, die refor­mis-tischen „Kaut­skya­ner“ der USPD nicht in die KI auf­zu­neh­men. Denn sie zögen „die Bewe­gung zurück in den Sumpf“ der sozi­al­de­mo­kra­ti-schen II. Inter­na­tio­na­le. Ent­spre­chend wur­de mit der USPD-Dele­ga-tion ver­han­delt, wobei es um „21 Bedin­gun­gen“ für den Bei­tritt zur KI ging. Bei­tre­ten konn­ten nur Par­tei­en, die mit den „Refor­mis­ten aller Schat­tie­run­gen“ und deren kaut­skya­ni­schem Gedan­ken­gut gebro-chen hat­ten: Ohne den Bruch mit dem Nur-Par­la­men­ta­ris­mus sei eine „kon­se­quen­te kom­mu­nis­ti­sche Poli­tik nicht mög­lich“.          [Fuß­no­te 9]

Auf dem Par­tei­tag der USPD im Okto­ber 1920 stimm­ten 212 Dele-gier­te für den Anschluss an die KI, 147 Dele­gier­te dage­gen. Damit hat­te sich der revo­lu­tio­nä­re lin­ke Flü­gel der Mas­sen­par­tei durch-gesetzt, der für die Ver­schmel­zung mit der KPD (Spar­ta­kus­bund) in einer kom­mu­nis­ti­schen Par­tei als Sek­ti­on der KI plädierte. 

Dass die USPD – im Gegen­satz zur KPD – stark in der Arbei­ter­klas­se ver­an­kert war, zeigt sich am Ergeb­nis der Reichs­tags­wah­len im Juni 1920: 4 896 095 Wäh­ler (= 18,8 Pro­zent) stimm­ten für die USPD. Nur etwas stär­ker war der staats­treue Wahl­ver­ein MSPD – wie die SPD nun hieß; sie erhielt 5 616 164 Stim­men (= 21,6 Pro­zent).          [Fuß­no­te 10]

Auf­grund der Stär­ke der USPD ent­stand – ange­lei­tet durch die KI – im Dezem­ber 1920 in Deutsch­land erst­mals eine kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, die tief in der Arbei­ter­klas­se ver­wur­zelt war: die Ver­ei­nig­te Kom­mu-nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (Sek­ti­on der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na-tio­na­le). Um deren Grün­dungs­par­tei­tag geht es im nächs­ten und letz­ten Unter­punkt mei­nes Vortrags …

3.2 Der Vereinigungsparteitag

Der Par­tei­tag, auf dem sich die USPD (Lin­ke) und die KPD (Spar-takus­bund) zur VKPD (Sek­ti­on der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le) ver­ei­nig­ten, fand vom 4. bis 7. Dezem­ber 1920 statt. Es nah­men 485 Dele­gier­te teil, von denen 349 von der USPD und 146 von der KPD dele­giert wor­den waren.

Im Zen­trum der Ver­hand­lun­gen auf dem Par­tei­tag stand die Fra­ge: Wel­che Schrit­te muss die VKPD als Sek­ti­on der KI ein­lei­ten, um in Deutsch­land an die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on heranzukommen?

Der Par­tei­vor­sit­zen­de Paul Levi leg­te in sei­nem Refe­rat zur Welt­la­ge dar, dass der Kapi­ta­lis­mus durch den Ers­ten Welt­krieg welt­weit in eine unge­heu­re Kri­se gera­ten sei. Die Alter­na­ti­ve zum ver­rot­te­ten Kapi­ta­lis­mus sei die Orga­ni­sie­rung der Welt­re­vo­lu­ti­on. Des­halb ziel­te die vom Par­tei­tag fest­ge­leg­te Tak­tik dar­auf, Aktio­nen zum Sturz des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems durch­zu­füh­ren, und zwar anset­zend an den kon­kre­ten Bedürf­nis­sen der Massen. 

Von gro­ßer Bedeu­tung sei in tak­ti­scher Hin­sicht die oppo­si­tio­nel­le Gewerk­schafts­ar­beit, die auf der Grund­la­ge kom­mu­nis­ti­scher Frak­tio­nen orga­ni­siert wer­den müs­se. Auf die­se Wei­se kön­ne das sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Gedan­ken­gut, das die Mas­sen läh­me, zurück-gedrängt wer­den. Das war not­wen­dig, weil die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Gewerk­schafts­füh­rung dazu­mal auf der Grund­la­ge des Stin­nes-Legi­en-Abkom­mens gemein­sam mit den Kapi­ta­lis­ten­ver­bän­den eine sys­tem­sta­bi­li­sie­ren­de „Arbeits­ge­mein­schafts­po­li­tik“ betrieb, um sozia­le Refor­men wie den Acht-Stun­den-Tag zu erreichen.

Wie die VKPD den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Refor­mis­mus zurück­drän­gen woll­te, steht in ihrem „Mani­fest“: Durch die Grün­dung  der VKPD sei „die Vor­be­din­gung geschaf­fen für den Befrei­ungs­kampf des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats, für den Kampf um die Räte­dik­ta­tur. Für den Kampf sagen wir, nicht für die Pro­pa­gan­da des Räte­ge­dan­kens.“ Denn die VKPD, in der Hun­dert­tau­sen­de orga­ni­siert sind, müs­se – anders als die klei­ne KPD – in ers­ter Linie durch „die Akti­on“ wer­ben.  [Fuß­no­te 11]

Die Schwer­punkt­ver­schie­bung von der Pro­pa­gan­da zur Akti­on hat ihren Grund dar­in, dass die VKPD mit rund 356 000 Mit­glie­dern eine revo­lu­tio­nä­re Mas­sen­par­tei und also ein bedeut­sa­mer Fak­tor in der deut­schen Poli­tik war. „Die Kampf­zeit der KPD“ war ange­bro­chen. –- Been­den wer­de ich mei­nen Vor­trag mit dem Ober­punkt …. [Fuß­no­te 12]

4. Zwei Fra­gen zur kom­mu­nis­ti­schen Stra­te­gie und Tak­tik 

Zum Schluss möch­te ich zwei Fra­gen stel­len, die unse­re  pra­xis­ori­en­tier­te Dis­kus­si­on struk­tu­rie­ren könnten.

Ers­tens: Sind tak­ti­sche Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Mit­glie­dern einer kom­mu­nis­ti­schen Par­tei ein hin­rei­chen­der Spaltungsgrund?

Zwei­tens: Was lernt uns – um mit Wal­ter Ulb­richt zu spre­chen – die Behand­lung der Gewerk­schafts­fra­ge durch die VKPD?

Das Wort habt nun ihr, ver­ehr­te Anwesende!

Das Refe­rat wur­de auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung der DKP Rhein-Kreis Neuss am 1. Febru­ar 2023 vorgetragen

Fuß­no­ten

[1] „Die U.S.P. sieht in den par­la­men­ta­ri­schen Aktio­nen den Ersatz für revo­lu­tio­nä­re Kämp­fe, die K.P.D. in ihnen ein Mit­tel ihrer Her­bei­füh­rung.“ Das KPD-Zitat fin­det sich in: Bericht (1919), Sei­te 63.

[2] Das DKP-Zitat stammt aus: Leit­an­trag (2017), Sei­te 21. In der vom Par­tei­tag beschlos­se­nen Fas­sung des Leit­an­trags (2018) fin­det sich auf den Sei­ten 34 und 35 die­sel­be Formulierung.

[3] Mit den tak­ti­schen Fra­gen „Gewerk­schafts­ar­beit“ und „Wahl­be­tei­li­gung“ befasst sich: Lenin (1920) auf den Sei­ten 417 bis 435.

[4] In: Bericht (1919) fin­den sich die Leit­sät­ze über kom­mu­nis­ti­sche Grund­sät­ze und Tak­tik, Par­la­men­ta­ris­mus sowie Gewerk­schafts­fra­ge auf den Sei­ten 60 bis 67; die Zita­te sind zu fin­den auf der Sei­te 60 bezie­hungs­wei­se 62.

[5] Über die Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem 2. Par­tei­tag der KPD (Spar­ta­kus­bund) und ihre theo­re­ti­schen Hin­ter­grün­de infor­miert detail­liert: Bock (1968) auf den Sei­ten 139 bis 152.

Die Mehr­heit der Par­tei­tags­de­le­gier­ten hielt die Tren­nung von der anar­cho-syn­di­ka­lis-tischen Min­der­heit vor allem des­halb für unum­gäng­lich, weil deren „syn­di­ka­lis­ti­scher Föde­ra­lis­mus“ unver­ein­bar war mit dem mehr­heit­lich beschlos­se­nen demo­kra­ti­schen Zen­tra­lis­mus als Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip der Par­tei: Dass die Min­der­heit sich nach gründ-licher Dis­kus­si­on einer tak­ti­schen Fra­ge (Wahl­be­tei­li­gung zum Bei­spiel) dem Beschluss der Mehr­heit unter­ord­net, lehn­ten die Anar­cho-Syn­di­ka­lis­ten bei­spiels­wei­se ab.

Im Sta­tut der DKP von 1993 heißt es auf der Sei­te 6 zu die­ser Pro­ble­ma­tik: „Wenn trotz gründ­li­cher Dis­kus­si­on der Mit­glie­der kei­ne brei­te Über­ein­stim­mung erreicht wird, aber Ent­schei­dun­gen poli­tisch zwin­gend sind, sind Mehr­heits­be­schlüs­se unver­meid­lich und bindend.“ 

[6] Über die „zwie­späl­ti­ge Hal­tung“ der KPD wäh­rend des Kapp-Put­sches berich­tet Weber (1983) auf den Sei­ten 79 bis 82.

[7] Zum fun­da­men­ta­len Links­ruck in der USPD sie­he: Whee­ler (1975), Sei­te 162 bis 164.

[8] Whee­lers Kapi­tel V hat die Über­schrift „Der Drang der Par­tei­ba­sis nach Mos­kau“: Whee­ler (1975), Sei­te 132.

[9] Die „21 Bedin­gun­gen“ für die Auf­nah­me in die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le (KI) sind abge­druckt in: Weber (1966) auf den Sei­ten 55 bis 62.

[10] Die Ergeb­nis­se der Reichs­tags­wah­len sind ent­nom­men aus: Chro­nik (1966), Sei­te 90. Das gilt auch für das KPD-Ergeb­nis, das auf der Sei­te 6 mei­nes Vor­trags genannt wird.

[11] Mei­ne Aus­füh­run­gen über den Ver­ei­ni­gungs­par­tei­tag von USPD (Lin­ke) und KPD (Spar­ta­kus­bund) basie­ren auf: Bericht (1920). Paul Levis Refe­rat fin­det sich dort auf den Sei­ten 29 bis 38, die Ver­hand­lun­gen über die Gewerk­schaf­ten und Betriebs­rä­te auf den Sei­ten 155 bis191 und das Mani­fest auf den Sei­ten 222 bis 236.

[12] Die Mit­glie­der­zahl der VKPD ist ent­nom­men aus: Weber (1983), Sei­te 83.

Bestim­mend für die Ent­wick­lung der VKPD in ihrer „Kampf­zeit“ von 1921 bis 1923 waren inner­par­tei­li­che Dif­fe­ren­zen bezüg­lich der „Offen­siv­tak­tik“ und der „Ein­heits­front­tak­tik“, sie­he hier­zu: eben­da, Sei­te 84 bis 96.

Quel­len

Bericht (1919) = Bericht über den 2. Par­tei­tag der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (Spar­ta­kus­bund) vom 20. bis 24. Okto­ber 1919. Her­aus­ge­ge­ben von der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (Spar­ta­kus­bund), ohne Ort und ohne Jahr (Reprint o. O. u. o. J.)

Bericht (1920) = Bericht über die Ver­hand­lun­gen des Ver­ei­ni­gungs­par­tei­ta­ges der U.S.P.D. (Lin­ke) und der K.P.D. (Spar­ta­kus­bund). Abge­hal­ten in Ber­lin vom 4. bis 7. Dezem­ber 1920. Her­aus­ge­ge­ben von der Zen­tra­le der Ver­ei­nig­ten Kom­mu­nis­ti-schen Par­tei Deutsch­lands, Ber­lin 1921 (Reprint o. O. u. o. J.)

Doku­men­te und Mate­ria­li­en zur Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, Band VII, Febru­ar 1919 – Dezem­ber 1923, 1. Halb­band, Febru­ar 1919 – Dezem-ber 1921. Her­aus­ge­ge­ben vom Insti­tut für Mar­xis­mus-Leni­nis­mus beim Zen­tral-komi­tee der Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­lands, Ber­lin (DDR) 1966 

Leit­an­trag (2017) = Par­tei­vor­stand der DKP: Leit­an­trag an den 22. Par­tei­tag der DKP, UZ-Bei­la­ge, August 2017

Lenin (1920) = W. I. Lenin: Der „lin­ke Radi­ka­lis­mus“, die Kin­der­krank­heit im Kom­mu­nis­mus, in: der­sel­be: Aus­ge­wähl­te Wer­ke, Band III, Ber­lin (DDR) 1970, Sei­te 389 bis 485

Weber (1966) = Her­mann Weber: Die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le. Eine Doku­men­ta­ti­on, Han­no­ver 1966

Sekun­där­li­te­ra­tur

Bock (1968) = Hans Man­fred Bock: Syn­di­ka­lis­mus und Links­kom­mu­nis­mus von 1918 – 1923. Zur Geschich­te und Sozio­lo­gie der Frei­en Arbei­ter-Uni­on Deutsch-lands (Syn­di­ka­lis­ten), der All­ge­mei­nen Arbei­ter-Uni­on Deutsch­lands und der Kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter-Par­tei Deutsch­lands, Mei­sen­heim am Glan 1969

Chro­nik (1966) = Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung. Chro­nik. Teil II. Von 1917 bis 1945, her­aus­ge­ge­ben vom Insti­tut für Mar­xis­mus-Leni­nis­mus beim ZK der SED, Ber­lin (DDR) 1966

Weber (1983) = Her­mann Weber: Kom­mu­nis­mus in Deutsch­land 1918 – 1945 (Erträ­ge der For­schung, Band 198), Darm­stadt 1983

Whee­ler (1975) = Robert F. Whee­ler: USPD und Inter­na­tio­na­le. Sozia­lis­ti­scher Inter­na­tio­na­lis­mus in der Zeit der Revo­lu­ti­on, Frank­furt am Main, Köln und Wien 1975

Ein Vor­trag von Franz Anger

Pro­ble­me des sozia­lis­ti­schen Auf­baus in der Volks­re­pu­blik China 

Alle ken­nen die Rede­wen­dung vom „Sack Reis, der in Chi­na umge­fal­len ist“. Damit soll ein Ereig­nis von beson­de­rer Bedeu­tungs­lo­sig­keit beschrie­ben wer­den. Inzwi­schen ist es aber ange­bracht, sich zu fra­gen, ob die­se Meta­pher nicht einer end­gül­tig ver­gan­ge­nen Zeit ent­stammt. Chi­na ist immer noch weit ent­fernt, aber trotz­dem reicht ein flüch­ti­ger Blick in die Tages­pres­se, um sich davon zu über­zeu­gen, dass an der Beschäf­ti­gung mit dem bevöl­ke­rungs­reichs­ten Land der Welt offen­bar kein Weg mehr vorbeiführt. 

Was sind nun die spe­zi­fi­schen Grün­de für Kom­mu­nis­tin­nen und Kom­mu­nis­ten, der VR Chi­na mehr Auf­merk­sam­keit zu schenken? 

Der Auf­stieg der Volks­re­pu­blik ver­än­dert das Welt­ge­fü­ge in dem Sin­ne, als dass er die Vor­macht­stel­lung der USA-geführ­ten NATO ernst­haft in Fra­ge stellt. Die Hoff­nung US-ame­ri­ka­ni­scher Stra­te­gen, nach dem Ende der Sowjet­uni­on zur ein­zi­gen wirk­li­chen Welt­macht mit ent­spre­chen­der Füh­rungs­rol­le auf­zu­stei­gen, ist ins Wan­ken gera­ten. Die Zei­chen ste­hen viel­mehr auf Ent­wick­lung einer nicht mehr uni­po­la­ren Welt­ord­nung, in deren Rah­men Chi­na an den USA zumin­dest in öko­no­mi­scher Hin­sicht schon bald vor­bei­zie­hen könn­te. Die­ses wach­sen­de Gewicht befä­higt Chi­na auf der welt­po­li­ti­schen Büh­ne, den aggres­si­ven Bestre­bun­gen des US-Impe­ria­lis­mus ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die chi­ne­si­sche Füh­rung tritt ein für inter­na­tio­na­le Koope­ra­ti­on ohne Ein­mi­schung in die innen­po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se ande­rer Staa­ten und erteilt Hege­mo­nie­ge­lüs­ten jeg­li­cher Art eine Absa­ge. Das macht die Volks­re­pu­blik zum Part­ner der Kräf­te welt­weit, die für die fried­li­che Gestal­tung zwi­schen­staat­li­cher Bezie­hun­gen kämpfen. 

In West­eu­ro­pa ist die Vor­stel­lung weit ver­brei­tet, dass Sozia­lis­mus gleich­be­deu­tend sei mit Man­gel und Inef­fi­zi­enz. Es ist hier nicht der Ort, um die Ursa­che der öko­no­mi­schen Pro­ble­me des ost­eu­ro­päi­schen Real­so­zia­lis­mus zu betrach­ten. Dabei kämen vie­le unter­schied­li­che Fak­to­ren in Betracht. Unab­hän­gig davon ist aber fest­zu­stel­len, dass das genann­te Pau­schal­ur­teil im Fal­le Chi­nas gänz­lich fehl geht. Wir sehen zum ers­ten Mal eine Nati­on, deren wirt­schaft­li­che Kom­man­do­hö­hen der Staat beherrscht und wel­che die füh­ren­den kapi­ta­lis­ti­schen Natio­nen mit ihrer öko­no­mi­schen Dyna­mik das Fürch­ten lehrt. Die Glei­chung Sozia­lis­mus = Inef­fi­zi­enz geht nicht mehr auf. 

Die­ser Umstand bie­tet uns eine star­ke Argu­men­ta­ti­ons­hil­fe und auch Anre­gun­gen, um über eige­ne Sozia­lis­mus­kon­zep­tio­nen nach­zu­den­ken. Sich von Chi­nas Vor­bild inspi­rie­ren zu las­sen, darf jedoch kei­nes­falls bedeu­ten, hier ein uni­ver­sell anwend­ba­res Modell zu sehen. Die chi­ne­si­schen Genos­sin­nen und Genos­sen spre­chen nicht umsonst vom „Sozia­lis­mus chi­ne­si­scher Prä­gung“, wohl wis­send, dass das Kopie­ren von Model­len aus frem­den, gänz­lich anders gepräg­ten Tei­len der Welt nicht erfolg­reich sein kann. Die Geschich­te der KPCh sel­ber bie­tet hier Bei­spie­le hier­für. Mao Tse Tung hat­te sich bereits wäh­rend des Bür­ger­krie­ges von der blo­ßen Nach­ah­mung sowje­ti­scher Kon­zep­te gelöst und damit bei Tei­len der Par­tei durch­aus Arg­wohn her­vor­ge­ru­fen. Den­noch gab ihm der Erfolg in Gestalt der Pro­kla­ma­ti­on der Volks­re­pu­blik 1949 recht bezüg­lich sei­nes Anspru­ches, den Mar­xis­mus auf die chi­ne­si­sche Rea­li­tät anzu­wen­den. Die­se Erfah­rung soll­te auch heu­te nicht ver­ges­sen werden. 

Wenig Beach­tung fin­det die anti­ras­sis­ti­sche Qua­li­tät des chi­ne­si­schen Auf­stiegs. Hier­zu­lan­de spricht man übli­cher­wei­se von Ras­sis­mus, wenn Indi­vi­du­en Dis­kri­mi­nie­rung in ihrem per­sön­li­chen All­tag erfah­ren. Dass aber die gro­ße Mas­se der heu­te hun­gern­den oder an Hun­ger ster­ben­den Men­schen zum nicht-wei­ßen Teil der Welt­be­völ­ke­rung gehört und in Asi­en, Afri­ka und Latein­ame­ri­ka kon­zen­triert ist, bringt in Deutsch­land jedoch kaum jemand mit Ras­sis­mus in Ver­bin­dung. Beden­ken wir nun, dass es Chi­na in den letz­ten 40 Jah­ren gelang, zwi­schen 700 und 800 Mil­lio­nen Men­schen aus dem Bereich der abso­lu­ten Armut zu holen und damit bis­he­ri­ger Welt­meis­ter in Sachen Armuts­be­kämp­fung zu wer­den, so erken­nen wir hier eine Eman­zi­pa­ti­ons­leis­tung, die eine gro­ße Signal­wir­kung für die ver­elen­de­ten Mas­sen außer­halb Euro­pas und Nord­ame­ri­kas hat. 

Es gibt für uns also gute Grün­de, sich mit der VR Chi­na zu beschäf­ti­gen. Hier­bei fin­den wir bestimm­te Pro­blem­fel­der, die beim dor­ti­gen Auf­bau des Sozia­lis­mus eine Rol­le spie­len. Drei vom ihnen sol­len im Fol­gen­den ange­ris­sen werden. 

Die Gestal­tung der öko­no­mi­sche Ver­hält­nis­se Chi­nas haben im Wes­ten für viel Irri­ta­ti­on gesorgt. Denn dort herrsch­te und herrscht die Vor­stel­lung, „Sozia­lis­mus“ bedeu­te eine mög­lichst all­um­fas­sen­de Ver­staat­li­chung von Indus­trie, Grund und Boden. Der brei­te Raum, der pri­va­ter unter­neh­me­ri­scher Tätig­keit durch die Refor­men ab 1978 unter der Feder­füh­rung Deng Xiao­pings ein­ge­räumt wur­de, begüns­tig­te die Ein­schät­zung, die KPCh habe Kurs genom­men auf die Restau­ra­ti­on des Kapi­ta­lis­mus. Hier­bei unter­blieb jedoch die kon­kre­te Ana­ly­se des Ent­wick­lungs­stan­des Chi­nas. Auf­schluss­reich hät­te eine Rück­schau auf die von Lenin kon­zi­pier­te „Neue Öko­no­mi­sche Poli­tik“ ab 1921 sein kön­nen. Lenin hat­te nach den Erfah­run­gen mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen, von admi­nis­tra­ti­vem Zwang gepräg­ten „Kriegs­kom­mu­nis­mus“ ein­ge­schätzt, dass Russ­land nicht über die Vor­aus­set­zun­gen ver­fü­ge, um zu einem ent­wi­ckel­ten Sozia­lis­mus direkt über­ge­hen zu kön­nen. Eine all­um­fas­sen­de Ver­staat­li­chung wür­de unter die­sen Bedin­gun­gen nur die glei­che Ver­tei­lung von Man­gel und Unter­ent­wick­lung bedeu­ten. Russ­land müs­se bei in- uns aus­län­di­schen Kapi­ta­lis­ten qua­si „in die Leh­re gehen“, um sich moder­ne Tech­nik und Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on aneig­nen. Die begrenz­te Zulas­sung pri­va­ten Kapi­tals sah er als Risi­ko, aber auch als Not­wen­dig­keit. Denn schließ­lich hat­te es in Russ­land vor der Revo­lu­ti­on kei­ne kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung, die der in west­li­chen Län­dern ver­gleich­bar gewe­sen wäre, gege­ben. Die­se galt es nun, unter den Bedin­gun­gen pro­le­ta­ri­scher Staats­macht nach­zu­ho­len. In sei­ner Schrift „Über das Genos­sen­schafts­we­sen“, benann­te er bestimm­te Bedin­gun­gen: „…die Ver­fü­gungs­ge­walt des Staa­tes über alle gro­ßen Pro­duk­ti­ons­mit­tel, die Staats­macht in den Hän­den des Pro­le­ta­ri­ats, das Bünd­nis des Pro­le­ta­ri­ats mit den vie­len Mil­lio­nen Klein- Zwerg­bau­ern, die Siche­rung der Füh­rer­stel­lung die­ses Pro­le­ta­ri­ats gegen­über den Bau­ern…“. Zu die­sen Bedin­gun­gen erklär­te er: „Das ist noch nicht die Errich­tung der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft, aber es ist alles, was zu ihrer Errei­chung hin­rei­chen und not­wen­dig ist.“ 

Ganz ähn­lich äußer­te sich Mao Tse Tung in sei­ner Schrift „Über die Neue Demo­kra­tie“ 1940: „Die staat­li­che Wirt­schaft einer vom Pro­le­ta­ri­at gelei­te­ten neu­de­mo­kra­ti­schen Repu­blik trägt sozia­lis­ti­schen Cha­rak­ter, sie ist die füh­ren­de Kraft der gesam­ten Volks­wirt­schaft, doch wird die­se Repu­blik das übri­ge kapi­ta­lis­ti­sche Pri­vat­ei­gen­tum nicht beschlag­nah­men, und sie wird auch die Ent­wick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on nicht unter­sa­gen, soweit die­se nicht die Lebens­hal­tung der Nati­on kon­trol­liert…“  Bekannt­lich wur­de die­se Ori­en­tie­rung in Chi­na im Lau­fe der Fünf­zi­ger­jah­re auf­ge­ge­ben zuguns­ten eines ultra­lin­ken, vol­un­ta­ris­ti­schen Kur­ses. Im Zei­chen des soge­nann­ten „Gro­ßen Sprungs nach vorn“ soll­ten die moderns­ten kapi­ta­lis­ti­schen Natio­nen prak­tisch vor­aus­set­zungs­los und nur auf die eige­ne Kraft gestützt in weni­gen Jah­ren ein­ge­holt wer­den. Zu die­sem Zweck wur­de eine radi­ka­le Kol­lek­ti­vie­rung durch­ge­setzt. In die­sem Zuge ent­stan­den Volks­kom­mu­nen, in deren Rah­men jedem Pri­vat­ei­gen­tum eine schar­fe Absa­ge erteilt wur­den. In der Par­tei wur­de Funk­tio­nä­re zum Feind erklärt, die man mit dem Eti­kett brand­mark­te „Macht­ha­ber, die den kapi­ta­lis­ti­schen Weg gehen“. Die Ergeb­nis­se die­ses ver­such­ten Gewalt­mar­sches zum Sozia­lis­mus waren ver­hee­rend. Enor­me Hun­gers­nö­te war­fen das Land in sei­ner Ent­wick­lung zurück. Auch die sich anschlie­ßen­de Kul­tur­re­vo­lu­ti­on war von dem Ver­such gekenn­zeich­net, feh­len­de mate­ri­el­le Vor­aus­set­zun­gen durch ideo­lo­gi­sche Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung zu kom­pen­sie­ren. Hans Heinz Holz sprach in dem Zusam­men­hang von dem „Ver­such, die Ent­wick­lung des Bewusst­seins der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te und der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se um meh­re­re Etap­pen vor­aus­lau­fen zu las­sen“.  Gera­de aus mar­xis­ti­scher Sicht springt der Irr­tum hier ins Auge. 

Mit dem Auf­stieg Deng Xiao­pings an die Spit­ze der Par­tei setz­te die Abkehr von die­ser Ori­en­tie­rung ein. Dengs Kon­zept über die Nut­zung der Markt­me­cha­nis­men unter sozia­lis­ti­scher Staats­macht ist die KPCh bis heu­te treu geblie­ben. Eben­so beher­zigt wer­den aber auch die „Vier Grund­prin­zi­pi­en“, wel­che Deng auf einer Theo­rie­kon­fe­renz am 30. Marz 1979 darlegte: 

  1. Fest­hal­ten am sozia­lis­ti­schen Weg 
  1. Bei­be­hal­tung der Dik­ta­tur des Proletariats 
  1. füh­ren­de Rol­le der KPCh 
  1. Ori­en­tie­rung am Mar­xis­mus-Leni­nis­mus und den Mao Tse Tung-Ideen 

Im Rück­griff auf Lenin wird deut­lich, dass der Weg der KPCh kei­nen Bruch mit den Klas­si­kern des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus dar­stellt. Viel wich­ti­ger ist aber, dass der Erfolg die­sen Weg bestä­tigt. Im Zei­chen die­ser Linie wur­den die bereits genann­ten Erfol­ge in der Armuts­be­kämp­fung mög­lich. Mao hat­te gesagt, dass den Kapi­ta­lis­ten nicht gestat­ten darf, die Lebens­hal­tung der Nati­on zu kon­trol­lie­ren. Und wenn man heu­ti­ge Leit­me­di­en der west­li­chen Welt zu Rate zieht, kann man dort lesen, wie dar­über geklagt wird, dass genau dies in Chi­na nicht mög­lich ist. Den­noch ist klar, dass das Pri­vat­ka­pi­tal in Chi­na sei­ne eige­nen Inter­es­sen ver­folgt und die­se kei­nes­wegs iden­tisch mit der sozia­lis­ti­schen Ori­en­tie­rung sind. Ob die Par­tei Herr über die in die­sem Zusam­men­hang ent­ste­hen­den Begehr­lich­kei­ten bleibt, ist eine offe­ne Fra­ge. Bis­lang scheint sie für die­se Aus­ein­an­der­set­zung jedoch gut gerüstet. 

Eine wei­te­re Fra­ge ist, wie es unter den spe­zi­fi­schen Bedin­gun­gen der Volks­re­pu­blik Chi­na gelin­gen kann, ein ange­mes­se­nes Modell von Demo­kra­tie zu ent­wi­ckeln. Der ers­te Arti­kel der chi­ne­si­schen Ver­fas­sung lau­tet: „Die Volks­re­pu­blik Chi­na ist ein sozia­lis­ti­scher Staat unter der demo­kra­ti­schen Dik­ta­tur des Vol­kes, der von der Arbei­ter­klas­se geführt wird und auf dem Bünd­nis der Arbei­ter und Bau­ern beruht.“ Liest man die­sen Satz aus der Sicht eines west­lich gepräg­ten bür­ger­li­che Demo­kra­ten, so erscheint er als eine schwer zu über­bie­ten­der Ver­rückt­heit. Wie kann es eine demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur geben? Um das zu ver­ste­hen, muss man das Feld simp­ler Ein­deu­tig­kei­ten ver­las­sen und sich dem Den­ken in Wider­sprü­chen öff­nen, das in Chi­na durch­aus Tra­di­ti­on hat. Zunächst wäre zu klä­ren, was unter Volk ver­stan­den wird. Ant­wort gibt die chi­ne­si­sche Natio­nal­flag­ge. Die zeigt neben dem einen gro­ßen Stern vier klei­ne­re. Die­se sym­bo­li­sie­ren die das Volk bil­den­den vier revo­lu­tio­nä­ren Klas­sen: Arbei­ter, Bau­ern, Klein­bür­ger und natio­na­le Bour­geoi­sie. Letz­te­re ist eine Beson­der­heit, die sich aus dem anti­ko­lo­nia­len Kampf Chi­nas erklärt. Neben der mit den aus­län­di­schen Impe­ria­lis­ten ver­bün­de­ten Komp­ra­do­ren­bour­geoi­sie gab es auch bür­ger­li­che Kräf­te, die bereit waren, sich dem Kampf für natio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät anzu­schlie­ßen.  Deren Hal­tung wur­de bei der Gestal­tung der Flag­ge gewürdigt. 

Die Volks­re­pu­blik ver­stand und ver­steht sich also als ein Klas­sen­bünd­nis. Vor­ran­gi­ges Ziel die­ses Bünd­nis­ses bestand dar­in, das Land aus den bar­ba­ri­schen Kolo­ni­al­ver­hält­nis­sen her­aus­zu­füh­ren. Es ver­steht sich von selbst, dass die inne­ren und äuße­ren Pro­fi­teu­re die­ser Ver­hält­nis­se dies nicht zu akzep­tie­ren gewillt waren. Der Bür­ger­krieg hat­te die Unver­träg­lich­keit die­ser bei­den Posi­tio­nen zum Aus­druck gebracht. Und aus der Geschich­te ist hin­läng­lich bekannt, dass auch nach einem gewon­ne­nen Bür­ger­krieg und der Pro­kla­ma­ti­on eines Arbei­ter– und Bau­ern­staa­tes der Klas­sen­feind die Hän­de nicht in den Schoß legt. Ein Staat wie die VR Chi­na ist bei Stra­fe des Unter­gangs gezwun­gen, die­sem Umstand Rech­nung zu tra­gen. Neben die Sphä­re demo­kra­ti­scher Wil­lens­bil­dung muss zwin­gend der Kampf um die Siche­rung der eige­nen Exis­tenz tre­ten. Und die­ser ist natur­ge­mäß auch repres­siv. Hier ist nicht der Platz für anti­au­to­ri­tä­re und liber­tä­re Fan­ta­sien. In sei­ner Arbeit „Über die demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur des Vol­kes“ spricht Mao Klar­text: „Ihr seid dik­ta­to­risch! Lie­bens­wer­te Her­ren, ihr habt recht, gera­de das sind wir. Alle Erfah­run­gen, die das chi­ne­si­sche Volk jahr­zehn­te­lang gesam­melt hat, leh­ren uns, die demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur des Vol­kes durch­zu­set­zen – jeden­falls läuft bei­des auf ein und das­sel­be hin­aus -, das heißt, den Reak­tio­nä­ren das Recht auf Mei­nungs­äu­ße­rung zu ent­zie­hen und nur dem Volk die­ses Recht vor­zu­be­hal­ten.“ In sei­ner spä­te­re Schrift „Über die rich­ti­ge Behand­lung der Wider­sprü­che im Vol­ke“ beschäf­tig­te Mao sich mit nicht-ant­ago­nis­ti­schen Wider­sprü­chen, d. h. mit Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Volk auf der Basis grund­sätz­lich gemein­sa­mer Inter­es­sen und im Gegen­satz dazu mit ant­ago­nis­ti­schen Wider­sprü­chen, d. h. mit sol­chen, in denen der Kampf zwi­schen Volk und feind­li­chen Kräf­ten zum Aus­druck kommt. Mit die­ser Dif­fe­ren­zie­rung ist frei­lich kein unfehl­ba­rer Maß­stab gege­ben, das eine vom ande­ren zu unter­schei­den. Gera­de wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on muss­ten ver­dien­te Par­tei- und Armee­ve­te­ra­nen erle­ben, dass man in die­ser Hin­sicht wohl die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren hat­te und sie mit unsin­ni­gen Vor­wür­fen als Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re anpran­ger­te. Die spä­te­re Kor­rek­tur die­ses Unrechts ändert nichts dar­an, dass die Unter­schei­dung zwi­schen demo­kra­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung und kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Tätig­keit eine blei­ben­de und kei­nes­wegs ein­fa­che Auf­ga­be ist, zumal bei­de Posi­tio­nen auch flie­ßend inein­an­der über­ge­hen können. 

In der Pra­xis ver­wirk­licht sich die chi­ne­si­sche Demo­kra­tie im Sys­tem der Volks­kon­gres­se auf loka­ler, regio­na­ler und zen­tra­ler Ebe­ne, wobei die loka­len Kon­gres­se direkt und die über­ge­ord­ne­ten Kör­per­schaf­ten jeweils von den nächst­nied­ri­ge­ren gewählt wer­den. Wer für einen loka­len Volks­kon­gress kan­di­die­ren will, muss von einer Par­tei, einer Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on oder von mehr als 10 wahl­be­rech­tig­ten Per­so­nen auf­ge­stellt werden. 

Eine Beson­der­heit Chi­nas ist die kon­sul­ta­ti­ve Demo­kra­tie. Mit der Poli­ti­schen Kon­sul­ta­tiv­kon­fe­renz des chi­ne­si­schen Vol­kes (PKKCV) besteht ein Gre­mi­um, in dem die KPCh, die wei­te­ren acht demo­kra­ti­schen Par­tei­en, gesell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, Reli­gio­nen und Natio­na­li­tä­ten ver­tre­ten sind und an der Gestal­tung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se bera­tend teilnehmen. 

Aber eben­so fin­den auch öffent­li­che Aus­spra­chen zu Geset­zes­vor­ha­ben statt. Auf kom­mu­na­ler Ebe­ne wird mit basis­de­mo­kra­ti­schen Ansät­zen wie dem Modell „Vier Tref­fen und zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen“ expe­ri­men­tiert. Wenn es um ört­li­che Belan­ge geht, ent­wi­ckelt zunächst die Grund­or­ga­ni­sa­ti­on der KPCh des Dor­fes Vor­schlä­ge. Die­se wer­den bei einem wei­te­ren Tref­fen von zwei Ein­woh­ner­ko­mi­tees dis­ku­tiert. Die dort erziel­ten Ergeb­nis­se gehen wie­der an die Par­tei­mit­glie­der zur wei­te­ren Debat­te. Beim vier­ten Tref­fen erfolgt dann die Abstim­mung durch die Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter der Dorfbevölkerung. 

Die­ses eige­ne Modell von Demo­kra­tie wird von der Bevöl­ke­rung mehr­heit­lich posi­tiv ange­nom­men. Eine Stu­die der Washing­ton Post aus dem Jah­re 2020 ermit­tel­te, dass 97 % der chi­ne­si­schen Bevöl­ke­rung mit der Regie­rung zufrie­den sei­en. Eine Unter­su­chung der Har­vard-Uni­ver­si­tät zur glei­chen Fra­ge­stel­lung wies für den Zeit­raum von 2003 bis 2016 einen Anstieg der Zufrie­den­heit von 86 auf 93 % aus. Däni­sche Mei­nungs­for­scher stell­ten 2020 fest, dass 73 % der chi­ne­si­schen Bevöl­ke­rung der Mei­nung waren. in einer Demo­kra­tie zu leben. Die ent­spre­chen­den Wer­te für die USA und die BRD waren 49 und 67 %. 

Das drit­te Pro­blem, um das es hier gehen soll, ist das des natio­na­len Zusam­men­hal­tes. Chi­na ist ein Viel­völ­ker­staat, in des­sen Geschich­te sowohl Zei­ten der Ein­heit wie auch der Frag­men­tie­rung zu fin­den sind. Es ist bemer­kens­wert, dass der Sino­lo­ge und Direk­tor des Chi­na Zen­trums Tübin­gen Hel­wig Schmidt-Glint­zer fest­stell­te, es sei nahe­zu ein Wun­der, dass Chi­na heu­te als zusam­men­hän­gen­der Staat exis­tie­re. Die Ein­heit der Volks­re­pu­blik ist als kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. In Viel­völ­ker­staa­ten stellt sich für die ein­zel­nen Eth­ni­en natur­ge­mäß die Fra­ge, ob sie im gesamt­staat­li­chen Ver­bund ver­blei­ben oder den Weg der Selbst­stän­dig­keit beschrei­ten wol­len. Der chi­ne­si­sche Staat ist also gefragt, allen Natio­na­li­tä­ten attrak­ti­ve Exis­tenz- und Ent­wick­lungs­an­ge­bo­te zu machen. Gleich­zei­tig muss den kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Beson­der­hei­ten der ein­zel­nen Volks­grup­pen Rech­nung getra­gen werden. 

Wenn die KPCh nun ver­sucht, den Sozia­lis­mus chi­ne­si­scher Prä­gung als gemein­sa­mes Haus aller in den Lan­des­gren­zen leben­den Völ­ker zu ent­wi­ckeln, so kann sie dies aber kei­nes­wegs unge­stört tun. Den stra­te­gi­schen Köp­fen der NATO ist in guter Erin­ne­rung, mit wel­cher Wir­kung die natio­na­lis­ti­sche bzw. sepa­ra­tis­ti­sche Kar­te im Kampf gegen die UdSSR und gegen Jugo­sla­wi­en gespielt wer­den konn­te. Ihr Ver­hält­nis zu Chi­na ist geprägt von einer per­ma­nen­ten Suche nach eth­ni­schen und reli­giö­sen Dif­fe­ren­zen in die­sem Land, die sich mög­li­cher­wei­se zu exis­tenz­be­dro­hen­den Ris­sen aus­deh­nen las­sen. So wird schon seit gerau­mer Zeit die ent­mach­te­te und teil­wei­se ins Exil getrie­be­ne bud­dhis­ti­sche Geist­lich­keit Tibets mas­siv unter­stützt. Bis zum Beginn der demo­kra­ti­schen Refor­men in Tibet im Jah­re 1959 hat­ten der Dalai Lama und der von ihm geführ­te Kle­rus eines mit­tel­al­ter­lich gepräg­ten Theo­kra­tie vor­ge­stan­den und über eine Bevöl­ke­rung geherrscht, die zum aller­größ­ten Teil aus Skla­ven und Leib­ei­ge­nen bestand. Die chi­ne­si­sche Füh­rung hat­te die­sen bar­ba­ri­schen Zustän­den ein Ende berei­tet. Dafür wird sie bis heu­te im Wes­ten ange­klagt, sich an der Frei­heit Tibets zu ver­sün­di­gen, des­sen Zuge­hö­rig­keit zu Chi­na in ahis­to­ri­scher Wei­se bestrit­ten wird. Eine para­si­tä­re Pries­ter­kas­te wird zum legi­ti­men Reprä­sen­tan­ten der tibe­ti­schen Bevöl­ke­rung auf­ge­wer­tet. Dies ist beglei­tet von einem ideo­lo­gi­schen Kreuz­zug im Namen der Men­schen­rech­te. In West­eu­ro­pa fällt die­se Pro­pa­gan­da vor allem im grün-alter­na­ti­ven Milieu auf frucht­ba­ren Boden. Es ist ihr gelun­gen, in die­ser Fra­ge eine gewis­se geis­ti­ge Hege­mo­nie zu errin­gen. Die Erzäh­lung, dass es sich beim Dalai Lama um einen spi­ri­tu­el­len Men­schen­freund und Pazi­fis­ten han­de­le, wel­cher der kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur gewalt­los die Stirn bie­te, wird auch in Deutsch­land nur wenig bezwei­felt. Kaum jemand fragt, wie die­ses Bild bei­spiels­wei­se zum Straf­sys­tem unter der Lama-Herr­schaft passt, das von grau­sa­men Fol­te­run­gen und Ver­stüm­me­lun­gen geprägt war. Den Expo­nen­ten einer sol­chen Ord­nung als Vor­kämp­fer der Men­sch­rech­te zu fei­ern, ist gro­tesk und trotz­dem nicht ohne öffent­li­che Wirkung. 

Sei­ne Ent­spre­chung fin­det die­ses Vor­ge­hen in der För­de­rung isla­mis­ti­scher Ter­ro­ris­ten in der Pro­vinz Xin­jiang. Uigu­ri­sche Sepa­ra­tis­ten stre­ben hier die Errich­tung eines unab­hän­gi­gen Got­tes­staa­tes an und haben die­sem Vor­ha­ben mit zahl­rei­chen ver­hee­ren­den Ter­ror­an­schlä­gen bereits Nach­druck ver­lie­hen. Von die­sen ist im Wes­ten aller­dings wei­nig oder gar nicht die Rede. Statt­des­sen wird die chi­ne­si­sche Regie­rung des Völ­ker­mor­des an den Uigu­ren in ihrer Gesamt­heit beschul­digt, weil sie den Bestre­bun­gen der Isla­mis­ten ener­gisch entgegentritt. 

Für die Regie­rung der Volks­re­pu­blik ist der Kampf gegen reli­gi­ös-reak­tio­nä­re Kräf­te in Tibet und Xin­jiang von exis­ten­ti­el­ler Bedeu­tung. Repres­si­ve Mit­tel kom­men hier eben­so zum Ein­satz wie Maß­nah­me zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung und Armuts­be­kämp­fung. Aber die Bemü­hun­gen der NATO-Staa­ten, Spalt­pil­ze im Kör­per der Volks­re­pu­blik zu züch­ten, wer­den nicht nach­las­sen. In die­sem Zusam­men­hang ist auch die west­li­che Ein­mi­schung in Hong Kong zu sehen und die Infra­ge­stel­lung des Ein-Chi­na-Prin­zips im Hin­blick auf Tai­wan. Der Bestand Chi­nas als sozia­lis­tisch ori­en­tier­te Groß­macht hängt davon ab, die­se Zer­set­zungs­ver­su­che erfolg­reich abzu­weh­ren. Erfor­der­lich ist dazu die Ent­wick­lung eines aus­rei­chen­den mili­tä­ri­schen Poten­ti­als. Dass ent­spre­chen­de Anstren­gun­gen in die­ser Rich­tung in völ­li­ger Ver­ken­nung ihres defen­si­ven Cha­rak­ters west­li­cher­seits als Aggres­si­on gebrand­markt wer­den, ist wenig verwunderlich. 

Neben der Ent­wick­lung sei­nes wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Poten­ti­als bringt sich Chi­na aber auch zuneh­mend in inter­na­tio­na­le Dis­kus­sio­nen wie die um den Begriff der Men­schen­rech­te ein. Es geht dar­um, ihre Inter­pre­ta­ti­on als einen Kata­log indi­vi­du­ell basier­ter Rech­te, der in allen Län­dern der Erde in glei­cher Wei­se in zur Anwen­dung zu kom­men habe, in Fra­ge zu stel­len und die Auf­merk­sam­keit auf kol­lek­tiv-sozia­le Rech­te zu len­ken, die in West­eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka ger­ne ver­ges­sen wer­den. Xi Jin­ping hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Men­schen­rech­te in unter­schied­li­chen Län­dern mit unglei­chem Ent­wick­lungs­ni­veau auch ver­schie­den akzen­tu­iert wer­den müs­sen. Er hob her­vor, dass für Ent­wick­lungs­län­der das wich­tigs­te Men­schen­recht im Recht auf Leben und Ent­wick­lung bestün­de. Es ist gut mög­lich, dass der­ar­ti­ge Über­le­gun­gen auch in ande­ren Län­dern mit kolo­nia­ler Ver­gan­gen­heit Anklang fin­den und die west­li­che Mei­nungs­füh­rer­schaft auf die­sem Gebiet ins Wan­ken brin­gen. Die Volks­re­pu­blik könn­te so neue Ver­bün­de­te und Sym­pa­thien gewin­nen und ihre Posi­ti­on in der inter­na­tio­na­len Sys­tem­aus­ein­an­der­set­zung stärken. 

Autor:

Erik Höh­ne